30.01.2013

Christiane Hoffmann im SPIEGEL


Und wieder geistert eins von diesen Gespenstern durch die Presse: Annett Meiritz schrieb im SPIEGEL-online von sexistischer Verleumdung im Umfeld der Piratenpartei. Kurz darauf war im stern ein Artikel von Laura Himmelreich ("Der Herrenwitz") zu lesen, in dem sie eine abendliche Barszene beschrieb. Der Vorsitzende der FDP Bundestagsfraktion, Rainer Brüderle verhielt sich im Januar 2012 der jungen Frau gegenüber mit einer gewissen Anzüglichkeit. Er war offensichtlich alkoholisiert. 

Allein die Tatsache, dass der Artikel mit einem Jahr Verzögerung erscheint, deutet darauf hin, dass wir es hier mit einem Gespenst zu tun haben, das - Gespenster haben das an sich - große Wellen schlagen kann. Täglich finden sich Leserbriefe in den Zeitungen und im Netz. Der Tonus der Männer ist häufig: "Habt euch nicht so!", während die Frauen Benehmen einfordern und das Verhalten des Politikers scharf verurteilen.

Froh war ich, als ich Christiane Hoffmanns Artikel "Hol mich hier raus" in der aktuellen SPIEGEL-Ausgabe las. Die Journalistin war damals, im Janaur 2012 in der Bar ebenfalls zugegen - sie erkannte Herrn Brüderles Zustand und entschied sich, zu gehen, während Laura Himmelreich blieb und weiter versuchte, mit dem Politiker ins professionelle Gespräch zu kommen.

Frau Hoffmann erläutert, dass wiederkehrendes schlechtes Benehmen schon in der Bonner Republik zum Politikbetrieb gehörte. Es mag damals häufiger gewesen sein als heute. Was jetzt anders wird: Die Frauen sprechen, anstatt herunterzuschlucken, anstatt von einer Scham, die verständlich, aber nicht sachdienlich ist, daran gehindert zu werden, den Dialog zu eröffnen.

Es gelingt Frau Hoffmann, eine plausible Interpretation von Brüderles Verhalten anzubieten ("Es war seine Art, in der Bar nicht über Parteipolitik diskutieren zu müssen") und den Blick auf die Realität zu lenken ("Für junge Journalistinnen, gerade für junge Frauen, ist es nicht leicht, einen vertrauten Umgang mit Politikern zu finden. Das liegt in der Natur der Sache"). Denn so öffentlichkeitswirksam Frau Himmelreichs zwölf Monate alter Artikel auch sein mag - er beschreibt etwas anderes als Annett Meiritz, in deren Fall die Grenzüberschreitungen deutlich schwerer wiegen und eindeutig als Verleumdung zu bezeichnen sind.

An Frau Hoffmanns Artikel gefällt mir die Sachlichkeit, die ich bei auffallend vielen anderen Artikeln vermisse. Zum Beispiel bescheinigt die dem FDP-Politiker die Fähigkeit, mit Frauen durchaus ernsthaft diskutieren zu können. Und sie fragt sich nach den Konsequenzen des stern-Artikels: Werden wir jetzt noch mehr wie Amerika, wo es beispielsweise Tanzdozenten verboten ist, ihre Studenten im Unterricht zu berühren und wo es vielfach undenkbar ist, dass man sich ein Taxi teilt? Das wäre nur ein Umlegen der oben erwähnten Scham. Ein Umlegen in noch mehr Regulierung, mehr Verbote, Tabus und wachsende, statt überwundene Fremdheit.

Wir diskutierten gestern hitzig in der WG-Küche und nahmen unsererseits teil am Wellenschlagen. Mein Mitbewohner Elí brachte es auf den Punkt: Was Frau Himmelreich beschreibt, wäre zwischen ihr und Herrn Brüderle persönlich zu verhandeln. Auch wenn Herr Brüderle - und das mag eine Schwäche sein, an der wir alle arbeiten können - das persönliche Aussprechen offenbar nicht nur mit ihr zu vermeiden sucht.

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