29.06.2012

Bild des Tages #32 | Librivox.org

Es regnet fürchterlich.
 
Das findet Laokoon gar nicht gut. Und er hat es schon schwer genug: Je nach Erzählversion haben entweder Apollon, Athene oder Poseidon zwei Seeschlangen geschickt, um ihn und seine zwei Söhne grausam zu töten. Und das nur, weil er seine Landsleute - die Trojaner - vor der List der Griechen warnte. Er wollte das geschenkte Holzpferd nicht annehmen. 
Zu hören ist diese Geschichte zum Beispiel bei librivox.org. Hier gibt es kostenlose Hörbücher (u.a. "The Iliad for Boys and Girls" von Alfred J. Curch) - legal in der public domain.

28.06.2012

Bild des Tages #31

Aus dem Mangel eine Tugend.

Motive, die mich interessieren, liegen häufig weit weg oder sie sind so klein, dass man ein Objektiv mit Makrofunktion bräuchte, um sie zu fotografieren. Ich habe weder ein dickes Zoomobjektiv, mit dem man zum Beispiel Szenen, die sich auf weit entfernten Dächern abspielen (also Szenen mit Vögeln - den Tieren, nicht was ihr denkt), fotografieren könnte, noch habe ich ein Makro.

Diese Blüte, die hier etwas anderweltlich aussieht, ist nur so groß wie ein Fingernagel. Sie wächst bei uns im Bad. Ich benutzte den Wäschekorb als Stativ und schnitt aus dem Bild ein Fingernagelgroßes Stück heraus: Das seht ihr hier.

26.06.2012

Flussaufwärts

Ein Gedicht in drei Teilen

I
Oh weh!

Mein Phrasenschwein quietscht
- dabei hab ich gar nichts gesagt

Ein alter Radler mit Lenkerradio und einem Korb voll wirrem Zeug hintendrauf radelt am Fenster vorbei

Das Radio dudelt den Krachpopsender
der alten Radler durch die Straße
die Baumrinden hoch und wieder runter
ein Eichhörnchen reibt sich die Ohren
- es presst eine Eichel aus und denkt: Oh weh!

II
Die Handschuhe

Die Milch und der Honig machen die Haut schön
sie helfen auch beim Schlafen

Ich sollte weniger Zucker essen
man könnte ihn an das Phrasenschwein verfüttern
- das verträgt was 

Wenn ich predige, zieh ich Handschuhe an
zum Glück verlier ich meistens einen
fünf Finger frieren; das ist nicht schön

Aber: Mit nur einem Handschuh an
kann ich nicht predigen
- und die Welt hat mehr Frieden

Außer ich treffe einen alten Radler
manchmal haben die in ihrem wirren Zeug
einzelne Handschuhe
- manchmal auch nur linke Socken

III
Der Jungvogel

Mein Phrasenschwein wohnt im Flur
neben den Pfandflaschen
es hatte mal einen Freund
- einen Jungvogel

Dem wäre ich auch gern Freund geworden
aber er hatte schon fliegen gelernt
und flog mir freundschaftslos davon

Mein Phrasenschwein und ich - wir sahen uns an
ich weiß nicht was es dachte, aber ich dachte es denkt
es hätte lieber den Jungvogel als mich zum Freund

(Und weiter dachte ich mit einiger Beleidigung in der gedanklichen Stimme: "Wer hat dir überhaupt gesagt, dass ich dein Freund sein will, du blödes Phrasenschwein?")

Alleine brachte ich keinen Pfand weg
sondern Altglas zum Containerschiffe
mit denen ich wegschwamm
und alles hinter mir ließ

- Auf der Reling balancierend blickte ich
in meine Beuteltasche
aus der mir das Eichhorn ein Glas entgegenhielt
voll süßer Eichelmilch

24.06.2012

22.06.2012

BLOW!

Hier sind ganze siebeneinhalb Minuten für euch. Wenn ihr es bis Minute 2-komma-5 schafft, werdet ihr nicht ausschalten.

Neulich war ich im Music-Store. Es gibt seit einiger Zeit in Kalk eine neue Filiale. Sie ist riesig und fett. Ich habe dort eine Trompete ausprobiert. Sie war hundert Euro billiger, weil sie eine Delle hatte. Immer noch zu teuer. Wenn ich Herrn Stetson höre, will ich sofort hin und sie mir diesmal aber wirklich kaufen. Zur Musik sage ich gar nichts, sie spricht für sich selbst:



09.06.2012

Die Zukunft des Physikers


Der heute 70jährige theoretische Physiker Stephen Hawking veröffentlichte 1988 "Eine kurze Geschichte der Zeit". Kein wissenschaftliches Buch hatte jemals solch großen Erfolg. Mit "Das Universum in der Nussschale" folgte 2001 ein weiteres, etwas leichter verständliches Werk über die Entwicklungen in der theoretischen Physik des 20sten Jahrhunderts.

Physiker sind stets der Meinung, in den nächsten Jahren den Durchbruch zur Entdeckung der alles erklärenden Weltformel zu erreichen. Da macht auch Mr. Hawking trotz seiner großen Klugheit keine Ausnahme. Gleichzeitig sind einige seiner Aussagen tatsächlich als prophetisch zu verstehen. 2001 schrieb er Folgendes:

Schon in zehn Jahren werden sich viele von uns für eine virtuelle Existenz im Netz sowie für Cyberfreundschaften und Cyberbeziehungen entscheiden.

Facbeook lässt grüßen.

Etwas bedenklicher: Mr. Hawking hält die gentechnische Veränderung von Menschen für eine sichere Tatsache. Er sagt ausdrücklich, dass er nicht dafür ist, er hält es einfach für umöglich, derartige Experimente (und Resultate) zu verhindern.
Zum Beispiel geht er davon aus, dass Embryonen in naher Zukunft außerhalb des menschlichen Körpers gezüchtet werden. Dadurch ließe sich das menschliche Gehirn vergrößern. Dessen Wachstum wird bei natürlicher Geburt durch den Umfang des Geburtskanals fest begrenzt.

Lose verknüpft mit diesem Thema steht aktuell in der Zeitung:

Wissenschaftler der University of Washington (Seattle) haben mit DNA-Analysen mütterlichen Bluts und Speichel des Vaters erstmalig das komplette Genom eines ungeborenen Kindes entziffert. In Deutschland wird es in Kürze einen Bluttest für das Downsyndrom geben. Die Firma Lifecodexx will noch im Juni den Test auf den Markt bringen. (ksta, 09.06.2012)

Gut daran: Der gesundheitlich und moralisch mehr als bedenklichen Fruchtwasseruntersuchung wird das Wasser abgegraben. Traurig: Menschen mit Downsyndrom werden in Zukunft noch seltener geboren. Dabei tragen sie soviel Licht in unsere Welt.

05.06.2012

Lustiges im Alltag #1

Ich trainiere regelmäßig im Fitnessstudio. So auch heute morgen. Nachdem ich mich in der Umkleide umgezogen hatte, ging ich in den angrenzenden Waschraum, um die Wasserflasche aufzufüllen. Meine Nase war etwas verstopft, also betrat ich eine der beiden WC-Kabinen, um mir ein Stück Klopapier zum Naseputzen abzureißen. Der Waschraum ist nicht besonders groß. Ich stand mittendrin und bließ mir den Rotz aus der Nase, als ein Typ um die Ecke bog.

Das ist kein schickes Fitnessstudio. Zu bestimmten Zeiten befindet sich der Freihantelbereich fest in der Hand von schrankartigen, tätowierten Typen, die böse aussehen. Dem Um-die-Ecke-Bieger, der mich beim Naseputzen erwischt hatte, klebten Oberarme, so dick meine meine Beine an den Seiten. Er trug sogar ein Tattoo im Gesicht. Sein linkes Auge wurde von einem Symol umrahmt, das gleichzeitig aussah wie ein Kreis und ein Pfeil. Wenn vielleicht nicht böse, so sah er doch gefährlich aus. Ich bließ fertig, grinste und machte ihm Platz. Er murmelte etwas, verschwand einer Kabine und schloss die Tür hinter sich. Das wäre nicht das erste Mal, das sich jemand von meinem Grinsen auf den Fuß getreten fühlt. Weil ich ihn nicht verstanden hatte, fragte ich nach und dachte: Der will sich bestimmt jetzt hier im Klo prügeln, so wie der aussieht mit seinem Gesichtstatoo.

"Ich muss mich hier umziehen. Da drinnen ist sonne kalte Luft, da erkälte ich mich sofort."

Seine Stimme klar zart und nett. Überhaupt nicht wie die eine bulligen Typen mit Tattoo ums Auge. Ich lachte, freute mich und begann zu trainieren. Auch wenn nach sieben Jahren längst klar ist, dass aus mir nie ein Muskelpaket werden wird.

04.06.2012

Torschluss am Schauspiel - Pauken und Trompeten

(Thomas Loibl und Kathrin Wehlisch)

Das Schauspiel Köln hat gestern seine Tore geschlossen, um Sanierungsarbeiten zu weichen. Ein letztes Mal wurde die Elfriede-Jelinek-Trilogie aufgeführt.

Mit drei gleich Stücken der Nobelpreisträgerin eröffnete Karin Beier vor knapp zwei Jahren die Spielzeit 2010/11. Das Werk / Im Bus / Ein Sturz enthielt alle Zutaten des soliden Spektakels: Neben zehn hochkarätigen Schauspielern (u.a. Manfred Zapatka, Lina Beckmann und Thomas Loibl) sorgte ein modernes Musiker-Trio für die Umsetzung der trittfesten Kompositionen von Jörg Gollasch. Eine Gesangssolistin, ein Solotänzer und zehn Gruppentänzer vervollständigten das Bild, auf dessen Höhepunkt sich noch der 50-köpfige Männerchor der 'Zauberflöten' buchstäblich aufzutürmen pflegte. Es gab Pressluftgehämmer, wildes Geschrei, Farbgeschmiere, Originaltonbänder und ein vollständiges Unterwassersetzen der Bühne. Einzig den Bulldozer hatte man im Probenverlauf wegrationalisiert. Und auch wenn inhaltlich wenig Neues passiert (wo tut es das schon?) - Jelineks Thema Mensch-versus-Natur (und tiefer: Zynismus gegen Hoffnung) eignet sich bestens für Gemälde im theatralen Cinemascope.

Natürlich machen viele schwere Zutaten noch keine gute Mahlzeit. Bei Karin Beier allerdings kann man sich zu Recht darauf verlassen, zwar vielleicht nicht gesund - so doch reichlich und erlesen ernährt worden zu sein, wenn man das Theater nach über drei Stunden Richtung Mitternacht verlässt. Nicht verwunderlich also, dass die erste Spielzeit bis zur letzten Vorstellung ausverkauft blieb. Dazu eröffnete die Trilogie mit dem Berliner Theatertreffen und dem Theater Festival Hamburg gleich zwei der großen Dinosaurier im deutschsprachigen Bühnenraum.
In der zweiten Spielzeit wurde es ruhiger. Nicht zuletzt aber weil der dritte Teil "Ein Sturz" brandaktuell vom Unglück des historischen Kölner Stadtarchivs erzählt, durfte sich das Stück zum Zapfenstreich noch einmal feiern lassen.

Karin Beier betrat zu Beginn des Abends die Bühne, um das Publikum kurz und knapp über den Ablauf eines solchen Ereignisses zu informieren. Denn bei aller ins Jetzt gewandten Bühnenkunst zeigte sie eine Hinwendung zur Tradition: Als wäre es ein alter Brauch, wurde der reiche Schlussapplaus von Kathrin Wehlisch mit großer Geste zum Schweigen gebracht. Frau Wehlisch hob ein schlichtes, leeres Marmeladenglas in die Höhe, Pauken ertönten von allen Seiten und unter großem Zeremoniell wurde der Geist des Theaters ins Glas gebannt. Auf der einen Seite der Bühne 850 Zuschauer, auf der anderen 80 Akteure, teils noch völlig durchnässt und allesamt knöcheltief im Wasser. Von den Pauken angeführt, mit Kerzen in den Händen zogen Schauspieler und Bedienstete mitsamt des Publikums einmal um das Gebäude. Auf dem Vorplatz wurde zuletzt unter Fanfarenstößen die Flagge gestrichen. Laut und klar riefen vier schwarz Gekleidete: "Schauspiel Köln!", bevor sie die ordnungsgemäß dreieckig gefaltete Flagge vom Dach in Frau Beiers Hände warfen. Wer wie diese Dame das Spektakel versteht, der muss zuerst begreifen, dass Kraft und Einfachheit zwei Seiten der gleichen Medaille sind.

Als einer der Tänzer war ich übrigens mit dabei. Nähkästchen gibt's hier aber nicht...