30.05.2011

Truthahn

Letze Woche gab es im Programm "Seitenansicht" des Radiosenders Kölncampus unter "Eine Liebeserklärung an Köln-Ehrenfeld" einen Truthahn im Angebot.

27.05.2011

"Hanna" - Lola Rennt 2.0

Some Stylish Switchblade!

Stille Winterlandschaft. Die ersten Bilder sind so leise, dass ein Kinogast rausgeht und fragt, ob die den Ton anmachen können. Die vielleicht 13jährige Hanna jagt mit Pfeil und Bogen ein Rentier im finnischen Schnee. Ihr Vater (Eric Bana) schleicht von hinten heran. Die beiden prügeln sich, die prügeln sich richtig. Weil sie nicht aufmerksam genug war, muss Hanna den 200 Pfund schweren Bullen allein nach hause karren. Nach hause: Das ist ein Hexenhäuschen im Wald - der erste deutliche Hinweis darauf, dass wir uns hier in einer märchenhaften Parabel befinden.
Die folgenden Spielwiesen sind ein eisenharter Bunker; rote Steinwüste; on the Road mit der Hippiefamilie im Wohnmobil; Flamenco; das blonde Mädchen und der Kuss; eine Containerlandschaft und zuletzt ein schön schmuddeliges Berlin.

Hanna kann zwar kämpfen und Tiere ausnehmen, aber sonst muss sie vom Leben viele Grundlagen erst lernen. Beim Küssen dekliniert sie Anzahlen der involvierten Gesichts- und Haltungsmuskeln durch, nur um dem sanften Spanier aufs Maul zu hauen, als man glaubt, es wäre endlich soweit.

Joe Wright inszenierte bereits mit Atonement ein stilistisches Meisterwerk, in dem Bild, Musik, verschachtelte Ort- und Zeitebenen sowie der brilliante Cast sauber und dicht ineinandergriffen.
Mit Hanna treibt er dieses Spiel noch weiter; er entwirft eine moderne, gleichzeitig von klarer Bildsprache und Schmuddel geformte Parallelwelt, vor deren Hintergrund die Figuren zu kühlen Symbolen werden. Vielleicht soll ihnen das Blut manchmal fehlen - denn hochkonzentrierter Stil und Visualität lassen sich nunmal mit Wärme schwer verbinden. Saoirse Ronan, die für ihre Rolle als gleichzeitig hochbegabte und verwirrte Briony in Atonement als bisher jüngste Schauspielerin mit einer Oskarnominierung ausgezeichnet wurde, trägt diesen Film an Bana und der Hexe Cate Blanchett vorbei. Der Puls der Musik von den Chemical Brothers verstärkt den Eindruck, man sähe hier Lola 2.0 - nur noch besser eben.

Am Ende: Laufen, laufen, laufen - in Szene gesetzt von Leuten, die sich Tom Tykwers Berlinmovie genau angeschaut haben. Lola und die Stadt, denn die darf - auf ranzige Art und Weise - ihre tatsächliche Märchenhaftigkeit unter Beweis stellen. Der ZOB und seine U-Bahn-Station zum Beispiel, ein besonders hässliches Dreckloch, das ankommende Reisende gleich aller Illusion darüber beraubt, Berlin könne doch eine nette Stadt geworden sein.

Zum Glück! Zum Glück, denkt man, verliert dieser Film nicht wie so viele Stilversuche den Faden, auf dem er sich in den ersten, klaren Bildern abrollt. Wie häufig würde man sich in den Kampfsequenzen ein wenig mehr Logik wünschen. Hannas Vater legt zwar locker vier CIA-Agenten auf einmal um, scheitert jedoch am einzelnen Neonazi. Aber was macht's?

Die Geschichte beginnt mit Hannas Worten: I missed your heart. Und endet bei den Brüdern Grimm, im Mund des Wolfes. Der Hirsch vom Anfang taucht wieder auf (ein Weibchen wohl, diesmal - die Zukunft) und Hannas sagt den gleichen Satz erneut, bevor sie am Abzug zieht: I missed your heart.

Kinder und Gewalt. Kick-Ass mit Nicolas Cage und Mark Strong war ein Film, der sich daran versuchte und dabei maßlos über die Strenge schlug. Hanna erinnert an X-Men (der mit einem vierten Teil vor den Toren der Kinos wartet), bleibt dabei inhaltlich jedoch vage und zelebriert Gewalt immerhin nur indirekt.

Randgedanken: Wir haben aufgehört zu träumen.
Umgeben von so vielen Bildern, in denen geträumt wird, liegen wir längst nicht mehr nachts wach und starren stundenlang auf ein einziges Foto der Geliebten. Lieber schalten wir den Fernseher oder den Kulturbetrieb ein und sehen anderen beim fühlen zu. Denn viel zu fühlen, das tut immer auch ein bisschen weh.

24.05.2011

Bild des Tages #13

Think flat, before you think up.

20.05.2011

Fromm #3

'The experience of union with god is by no means irrational. It is the most daring and radical consequence of rationalism.'

17.05.2011

Bild des Tages #12

Neulich stand ich im Supermarkt und dachte: Wo sind nur die Tante-Emma Läden hin? Und hier in Köln gibt's nichtmal Spätkaufs!

14.05.2011

Fromm #2

An Sigmund Freud scheiden sich die Geister. Da wird häufig pauschalisiert und flach getreten. Fromm schafft es allerdings, einem (und tatsächlich nur einem) der Grundzüge von Freuds Ansichten mit drei Sätzen den Wind aus den Segeln zu nehmen.

'According to Freud, the full and uninhibited satisfaction of all instinctual desires would create mental health and happiness. But the obvious clinical facts demonstrate that men - and women - who devote their lives to unresticted sexual satisfaction do not attain happiness, and very often suffer from severe neurotic conflicts or symptoms. The complete satisfaction of all instictual needs is not only not a basis for happiness, it does not even guarantee sanity.'

(The Art of Loving, S. 85)

11.05.2011

Alltagsbuddhisten #4 / Fromm #1

Erich Fromm fügt in The Art of Loving essentielle Zusammenhänge in unnachahmlich deutlicher Form zusammen. Seine Meditationsübung trifft die Faust voll aufs Auge.

'It would be helpfull to practice a few very simple exercises, as, for instance, to sit in a relaxed position (neither slouching, nor rigid), to close one's eyes, and to try to remove all interfering pictures and thoughts, then to try to follow one's breathing; not to think about it, nor force it, but to follow it - and in doing so to sense it; furthermore to try to have sense of "I"; I = myself, as the center of my powers, as the creator of my world. One should, at least, do such a concentration exercise every morning for twenty minutes [...] and every evening before going to bed.'

(S. 104)

09.05.2011

Becoming Klingon

Das ist mal eine Nasenwurzel!

Nachher war ich sauer, weil ich die Aussicht von meiner Liege nicht fotografiert hatte. So ein Krankenhausflur in seiner absolut zweckmäßigen Kargheit ist sehenswert. Nun gibt es nur meine Nase.

Ich lag eine dreiviertel Stunde im Flur der Ambulanz von St. Hildegardis. Zur Gesellschaft hatte ich eine Frau zur Ausnüchterung. Zwischendurch stand sie mühsam von ihrer Liege auf, um sich in orientalischer Manier auf dem Boden niederzulassen - so als seien die kalten Fliesen ein Diwan. Der Pfleger, ein grundguter Mensch, war nicht amüsiert. Etwas später musste sie pinkeln.

"Kann mir mal einer 'n Klo geben?" rief sie mit nasaler Stimme und ich lachte, trotz der Müdigkeit im Kopf.

In der Ambulanz gab es alle, die zur Ambulanz gehören: Die Pfleger und Pflegerinnen - Helden des Alltags in ihrer Geduld, Fürsorge und Fähigkeit zum Multitasking. Den schönen, braungebrannten Medizinstudenten, der versuchte, seine Lacoste-beschuhten Füße in diesem Gewusel auf den Boden zu kriegen. Den jungen, verunsicherten Arzt - in diesem Fall einen Spanier mit Topf-Frisur - der für meinen Entlassungsbrief fünfundzwanzig Minuten brauchte, mit zwei Fingern getippt. Den Altchirurgen: So müde und so abgebrüht, wie nur ein Arzt sein kann. Vielleicht hat auch er auf dem Boden von Gläsern nach der Wahrheit gesucht. Zuletzt entließ man mich mit einem ungeschickt verpappten Pflaster.

Am nächsten Morgen sah ich in den Spiegel und dachte: Ou Mann! Ich werde Klingone! Das ist nicht so einfach. Klingonisch lernen, eine Uniform finden, den Ehrenkodex verinnerlichen...

Klingonisch ist laut Guiness' Buch der Rekorde die meistgesprochene fiktive Sprache. Es gibt sogar Übersetzungen aus den Werken von Shakespeare und aus der Bibel. Die Uniform habe ich online bestellen können. Da gibt es ja alles. Und der Ehrenkodex? Null problemo! Hauptsache immer schön vorsichtig im Weltraumverkehr und auf Kölner Radwegen!

07.05.2011

When Adds Go Weird

Ich mag es, wenn kreativer Ausdruck das Seltsame unserer Existenz mit einbezieht. Das gilt für Kunst, aber auch für Werbung. Macht den Tag fluffiger.

04.05.2011

Meet One-Punch-Mickey and his Wersi-Queen


One-Punch-Mickey ist eine Figur aus dem Film Snatch - Schweine und Diamanten. Brad Pitt spielt den schnodderigen Bare-Knuckle Boxer einer irischen Zigeuner-Familie, der sich erst auf die Fresse hauen lässt, um dann die Gegner mit einem einzigen Schlag auf den mit dreckigen Sägespänen bedeckten Boden illegaler Hinterhof-Boxringe zu schicken. Warum dieser neun Meter lange Bauwagen so getauft wurde, entzieht sich meiner Kenntnis.

Das gemütliche Riesending, das ich fast selbst gekauft hätte, steht auf einem Hof in der Eifel, auf dem sich vier Familien ihre Leben teilen. Die alte Wersi-Orgel funktionierte letzte Woche noch: Sie wird draußen stehen, bis sie stirbt. Saulaut, das Teil. Und weil sie schon ein paar Mal nass geworden ist, gibt sie teils sehr bizarre Töne von sich. Drei Jungs vom Hof leisteten mir Gesellschaft beim Krach machen.

02.05.2011

Maximum Freedom


Obwohl es tausendmal besser ist, in Gesellschaft zu reisen: Allein unterwegs sein zu können, ist spacewise maximum freedom. Nach zwei Niederrhein-Touren war ich letztes Wochenende in Bonn und in der Eifel. Mit der Zeit kann man immer fester in die Pedale treten. Es lässt sich sehr gut denken, wenn unter dem selbst angetriebenen Rad die Straße rauscht und die Sonne von oben auf dich runter brennt.
Wofür all das? Nach Pfingsten fahre ich mit dem gelben Rad nach Südfrankreich ans Mittelmeer. Man sagt, dort sei der Himmel am blausten.

01.05.2011

Sonntag

Nachdem wir den Brüsseler Platz verlassen hatten, wandten wir uns dem Grüngürtel zu. Wie meist zu dieser Zeit, kurz vor Dämmerung, saßen auf dem Mäuerchen am Stadtgarten noch Randgestalten. Zusammengekauert, den Blick nach unten gesenkt und nur im besseren Falle traurig darüber, dass es auch diese Nacht wieder nichts geworden war mit den Träumen vom großen, glücklichen Fest.

Am Grüngürtel gingen wir rechts Richtung Fernsehturm, in dessen Schatten tagsüber Griller, Fußballer, Frisbeeakrobaten und Slackliner ihren Geschäften nachgehen. Jetzt gab es nur Karnickel, deren dunkle Schatten lautlos vor uns davon hoppelten. Das "T" des Turms hob sich gestochen scharf und leuchtend rosa gegen den dunkelblauen Himmel des anbrechenden Tages ab.

Wir hatten keine Decke dabei, das Gras war nass vom Tau. Ich setzte mich auf meinen Rucksack, du hast deine Jacke genommen - dir wird nicht so schnell kalt wie mir. Wir lehnten uns aneinander, drehten Zigaretten und warteten auf einen frischen Sonntag.

Einen Sonntag, von dem wir beide erst seit kurzem wussten, dass wir ihn nicht allein verbringen würden wie sonst. Denn auch wenn wir uns sonntags unter Menschen befunden hatten; unter Frühstückern, Freunden oder Familienmitgliedern: Ein bißchen allein hatten wir uns immer gefühlt.

Der erste Jogger kam um halb sieben. Er trug sehr kurze Shorts und hatte guten Grund dazu: Seine Beine waren so kräftig, die musste man einfach ausstellen. Das nahmen wir zum Zeichen, dem Tau nachzugeben: Wir waren längst durchgefroren. Als ich etwas später zuhause saß und Schwarzbrot kauend aus dem Fenster sah, dachte ich: Wie schön wäre das gewesen!