25.06.2010

Wer ist Wowe?

Auch jeder Nichtberliner kennt Klaus Wowereit. Genau! Der Typ, der sich damals als schwul geoutet hat - das ist schon lang vergangen und auch gar nicht mehr besonders interessant. Ich hab ihn einmal live erlebt, auf einer Jubiläumsfeier in Berlin.

Er kam mir damals sehr glatt vor - ganz anders als Horst Köhler, der ebenfalls eine kurze Rede hielt: Bei sachlich stabiler Mittellage war der Bundespräsident staubtrocken und unlocker - auffällig, wie er sich an seinen kleinen Zetteln festhielt, auf denen je ein Satz stand. Wowereit hingegen sprach schnell und ohne sich am Text festzuhalten, er bewegte sich hinter dem Rednerpult, er hatte Energie: Und massig Routine.

Benjamin von Stuckrad-Barre hat ihn vor einigen Jahren für eine Woche begleitet und aus seinen Eindrücken eine Reportage gemacht: Vorherrschender Eindruck: Die Terminfülle eines regierenden Bürgermeisters ist unglaublich. Zumal sich vieles buchstäblich auf dem Niveau vom Kaninchenzüchter-Verein abspielt.

Ein bißchen unglaublich ist auch Wowereits Biographie "Und das ist auch gut so". Dieses rasant lesbare Buch ist ein Stück kluge Selbstdarstellung, sicher. Gleichzeitig gibt es Einblick in den Berufsalltag eines deutschen Politikers, wie man ihn sonst nicht kennt. Die Motivationen, der Alltag, das Zustandekommen von Entscheidungen, der nervliche Druck, die Fülle verschiedener Aufgaben - die Medien.

Letztere bekommen besonders im letzten Kapitel des Buches, in dem Wowe es sich erlaubt, persönlichere Anliegen kundzutun, ihr Fett weg. Und sicher nicht zu unrecht: Denn vielleicht ist es mittlerweile nicht mehr falsch zu sagen, dass sich unsere Medienlandschaft schlechte Angewohntheiten zugelegt hat, die ihrem eigentlichen Teilauftrag, Demokratie fördernd zu wirken, entgegenstehen. Obwohl Wowe mit schier unerschöpflicher Enerige und Nervenstärke gesegnet ist, fühlt er sich stark eingeengt - macht er einen dummen Scherz in der Nähe einer Kamera, steht das am nächsten Tag völlig verdreht in der Zeitung (so geschehen z.B. mit einem Pump und einer Sektflasche).
Armer Wowe! wird nun der ein- oder andere antworten. Doch ich frage mich: Was wollen wir denn?

Die Politiker sollen den besten Job der Welt machen, sie sollen unbequeme Entscheidungen treffen, Mut beweisen am laufenden Band und natürlich superfit sein in allen Sachfragen - gleichzeitig bekommen sie beinahe aussschließlich Schelte und diese dann auch noch auf niedrigstem Niveau.

Bezeichnend Wowes Story, als er einmal nach Californien reiste, um Arni einen Besuch abzustatten und (durchaus wirkungsvoll) das Berliner Filmgeschäft anzukurbeln. Alle Berliner Zeitungen hatten ihm Journalisten zur Seite gestellt. Diese begannen sich nach dem zweiten Tag abzusetzen: Wowes Programm hieß nämlich wie üblich: Termine von ganz früh bis ganz spät. Da lagen die Texter dann lieber auch mal am Strand (vielleicht in der Hoffnung, Pamela Anderson käme vorbeigejoggt).

Die Berliner Zeitungen zeigten dann allerdings ein Bild von Wowe im Liegestuhl - und stellten ihn (nicht zum ersten Mal) als großen Urlauber dar: Wer von uns würde da seinen Humor behalten?

Interessant auch seine Aussage, die großen deutschen Zeitungen seien oft schlimmer als das Boulevard - von dem weiß man ja, was einen erwartet. Wenn aber in einer großen Wochenzeitung in langen Artikeln nichts steht als halbseidenen Annahmen - die allerdings klug formuliert auftreten und sich unter dem Deckmantel der Seriösität des Blattes von vorne herein eines nicht verdienten Respektes sicher sein dürfen, dann gebe ich eher ihm Recht, als den Journalisten.

In jedem Fall: Als Blick hinter die Kulissen der deutschen Politik-Szene eignet sich "Und das ist auch gut so" ganz bestimmt.

21.06.2010

Tourista


Ich bin derzeit in Norwegen. Übrigens: Heute um 13.28 ist Sommersonnenwende!


Aussicht von meiner alten Arbeitsstelle über den Mjøsa. Der weiße Fleck links im Wasser ist der "Skibladner", ein sehr alter Schaufelraddampfer.


Wanderung im "Totenåsen" - auch hier wunderbare Aussicht überall

Flechten zeichnen abstrakte Bilder auf Stein

Unsere Wegweiser

Wasserspiele

Seen dienen als Orientierungshilfe

Langsam, ganz langsam sinkt die Sonne

Schafe liegen schonmal gern mitten auf der Straße. Vor laufenden Menschen rennen sie weg - Autos hingegen werden nicht als Gefahr wahrgenommen

Wie die Schafe, so die Kühe..

14.06.2010

Erste Bilder aus N


Der Mjøsa, der größe Binnensee Norwegens aus der Richtung von Minnesund: Die Landstraße Richtung Lillehammer und Gjøvik führt etwa 20km eng am Steilhang des Ufers entlang. Ich bin die Strecke zum ersten Mal selbst mit dem Auto gefahren - die Haltebuchten mit den besten Aussichten rauschten alle an mir vorbei.


Das Haus, in dem ich gerade wohne. Es gibt eine gemütliche Südterasse. Dort lässt es sich wunderbar lesen und in der Sonne braten. Zwei Katzen zur Gesellschaft, ein Klavier und hunderte guter Bücher. Diese Haus frisch zu streichen wird in den nächsten Wochen mein Job sein.


Dieses Bild habe ich nach 21 Uhr abends aufgenommen - da ist es noch immer taghell, auch wenn die Schatten schon lang sind. Die Gebirgskette hinten liegt beriets außerhalb des Sonnelichts - hell genug für einen Spaziergang ist es die ganze Nacht.

10.06.2010

Abendrot eingeholt

Flughafen Düsseldorf. Kurz nach 21 Uhr. Langsame Dämmerung. Vor mir blättert eine blonde Schöne im Handelsblatt. Ein kleines, afrikanisches Mädchen lächelt ihr zu. Der Vater der Kleinen sammelt sie im Vorbeigehen ein - sie sprechen eine klonkerige Sprache. Drüben zwei Hünen, große Männer mit breiten Schultern, Muskel-Armen und kantigen, gutaussehenden Gesichtern. Der eine hat langes, sonnengebleichtes Blondhaar, der andere erinnert an Tom Waits, trägt ein Cappi und hat ein blaues Auge. Wahrscheinlich ein Sportunfall - müssen Norweger sein.

Boarding Time. Alle stehen Schlange, außer die blonde Schöne, die zwei Typen und ich. Ein üblich schäl-nettes Dreierpaket sich laut unterhaltender Deutscher - die wollen unbewusst, dass alle mithören - sie sind so froh, dass sie nicht alleine sind.

Jetzt im Flugzeug. Edle Maschine, eine Boeing 737. Schwarze Ledersessel und ausklappbare Bildschirme von oben. Habe eine ganze Sechser-Reihe für mich, so leer ist es.

In der Nähe der dänischen Grenze. 7000 Fuß, 14 Grad, leichter Nordwind. Eine halbe Stunde vor der Zeit. Gerade fahren die Stewardessen mit ihrem Kaffee-Wagen vorbei. Ein hustende Inderin vor mir bestellt Cola mit Eis. Ich verkrieche mich ins Buch. Sie sprechen mich an mit 'Sir?' - fühle mich immer noch wie sechzehn.

Wir fliegen ins Licht. Im Norden ein heller Streifen zwischen Wolkendecke und dem nach oben dunklen Himmel. - Jetzt sieht man schon das erste Orange - als flögen wir in den Morgen, dabei ist die Sonne schon einmal untergegangen.

Jetzt Rot in den Wolken. Erst dachte ich, da unten stünde eine Hundertschaft dänischer Treibhäuser, aber nein: Wir haben das Abendrot eingeholt, es färbt die dünne Wolkenschicht unter uns, es breitet sich aus.

Tatsächlich taucht die Sonne auf. Erst ist sie verborgen von der Tragfläche, dann aber macht der Flieger einen Schlenker, der Flügel senkt sich und für einen Moment scheint sie mich an.

Als die Wolkendecke aufreißt und die Küste sichbar wird, sehe ich sie wieder - wir fliegen eine Kurve nach Westen - da schwebt dieser Wahnsinnsball orange-golden und so klar, wie es nur im Norden möglich ist leuchtend am Himmel.

Noch bevor wir Land überfliegen nimmt der Pilot das Tempo raus: Unter uns zeichnet sich die zerbröselte Linie des vertrauten, im Sommer so sanften Landes ins Wasser.

Teilweise bewölkt, leichter Nordwind, 13 Grad.

07.06.2010

Brüder müsste man sein

Aus dem Tagebuch eines Landstreichers:

Ich saß im Zug und dachte nichts Böses. Das tue ich in Zügen grundsätzlich nicht. Vielleicht sind böse Gedanken zu schwer und kommen mit dem Tempo des Schienenverkehrs nicht mit. Ich saß da also auf der Treppe ins untere Stockwerk des RE1-Doppeldeckers und hatte geschickt den Schienenersatzverkehr umschifft, welcher mir auf der Hinfahrt stundenlang das Gefühl gegeben hatte, auf Reisen zu sein.

In meinem Gepäck befand sich eine Wasserwaage. Ein Meter, gelb. Vor mir eine Horde Bier saufender Reinländer in schwarzen Polohemden: Die waren gut drauf! Ich tippte auf eine Wochenend-Sauftour (es war Sonntag Abend). Die einen sangen aus voller Kehle und gar nicht schlecht, die anderen machten umliegende Frauen an, einer trank schon Wasser und der dickste von allen versuchte, die zwei letzten gemeinsamen Kölsch in einer Kneipe am Deutzer Bahnhof zu organisieren.

Mit gegenüber saß einer, der fand meine Wasserwaage sehr interessant. Sein Blick hing schon etwas schief, vielleicht wollte er deswegen alle zwei Kilometer wissen, ob noch alles im Lote sei. Immer mehr Leute quetschten sich in den Waggon, wir hatten eine Viertelstunde Verspätung. Hinter mir lachte ein Kind im Kinderwagen, oben saß auf der Treppe ein dicker Junge und tat, was einzelreisende Jungen tun: Er tippte auf seinem Handy herum.

Der Organisator kam mit seinen zwei Kölsch so richtig nicht durch: Die Polohemden ließen Deutz links liegen, sie kamen aus der Eifel und wollten zurück zu ihren Ehefrauen. Mein Wasserwaagen-Fan gesellte sich zu mir und traute sich endlich zu fragen, was ich denn mit dem Ding wolle. Ich erzählte ihm natürlich eine wilde Lügengeschichte, die Wahrheit kann doch sowieso keiner vertragen. Seine Geschichte war auch viel interessanter: Die Polohemden, sechs an der Zahl, waren alle Brüder! Sie kamen frisch aus Halle an der Saale, dort waren sie (mit Begleitfahrzeug) 480 Kilometer Rad gefahren. Während in der Eifel die Sonne schien und sich die Ehefrauen in den Schatten verzogen, radelten die Männer durch neun Grad Kälte - das machen die jedes Jahr. Wahnsinn! Brüder müsste man sein!

01.06.2010

Hapes Welt

Momentan bin ich Arbeitendebevölkerung. Morgens falle von der Tür auf die Straße und von der Straße in eine Bäckerei. Mit Brötchen und Kaffee stehe ich am Straßenbahnsteig vor dem 'Express'-Automaten. Jeden Morgen baut sich vor mir das gleiche Ensemble auf: Ein rauchender Business-Mann, dessen Herkunft ich auf Indien rate. Er raucht mit sehr viel Herz dabei, er zieht fest an den Kippen und umgibt sich mit Qualm, dass es eine Freunde ist.

Dann ein sportlich-schlanker Mann mit kurzen, graumelierten Haaren und sein Hund. Der Hund hat Handtaschenformat und eine graumelierte Schnauze - sein Körper ist vor Alter schon ganz steif, oft hat er den Stummelschwanz zwischen die Beine geklemmt, so als wär ihm sonst kalt. Manchmal trägt er in der Schnauze ein völlig verquetsches Wollhäschen, sein Stofftier. Der Hund hält sich (wie viele Hunde) für einen Menschen. Die Töne, die er zu seinem Herrchen spricht, sind beinahe Worte - so deutlich.

Der Latinotyp ist auch dabei. Sehr selbstbewusst, die Haare zurück gestriegelt, ein großer Kopf, elegante Bewegungen und eine Handtasche, die zumindest wie Louis Vuitton aussieht. Er strahlt überlegene Gleichgültigkeit aus, das macht er auf den ersten Blick ganz gut. Als die Fahrkarten-Kontrolleure kamen, war er natürlich dran, aber auch dabei völlig entspannt. Sein Pass sah aus wie dreimal mitgewaschen.

Die Bahn fährt mich zur Arbeit, der gesamte Weg dauert eine Stunde. Ich habe viel Zeit zum Lesen - gerade ist mir Hape Kerkelings 'Ich bin dann mal weg' in die Hände gefallen.

Mit den Seiten wird es immer lesbarer und auch immer lustiger. Hape ist nicht nur aufgrund seiner bewundernswerten geraden Zielstrebigkeit ein so guter Komiker, sondern weil er die Welt immer mit lachenden Augen betrachtet. Nicht, dass er nicht traurig oder ernsthaft sein kann - im Gegenteil. Er versteht es bloß, zurückzukommen auf den Witz in allem. Und er kann Menschen dazu bewegen, ihre Geschichten zu erzählen: Diese Gabe hätte ich auch gerne!

Ich bin noch nicht fertig mit dem Buch. Ob er sich auf seinem Weg noch einmal fragen wird, ob Gott etwas mit Humor zu tun hat?