28.05.2010

Küchengespräch

Heute ein Küchengespräch, dass um das gleiche Thema kreiste, von dem ich am 13.05. weiteres Futter versprach:

Es ging um die Frage, wie man sich als Künstler, der viel Zeit und Energie auf Broterwerb, miete-bezahlen u.ä. aufwendet, am Ball hält, bzw. wie man es schafft, die wenige Zeit und Energie (beides ist niemals wirklich zu wenig) noch auf den Punkt zu bringen.

Ich hatte schon geschrieben, dass die manigfaltigen Ablenkungen (in meinem Fall zum Beispiel der Umstand, dass oft ganz einfache Computeraufgaben - wie z.B. heute das Versenden einiger Bilddateien per Mail - nicht einfach funktionieren, sondern immer wieder hängen bleiben und letztenendes viel Zeit fressen, dass also manigfaltige Ablenkungen bestrebt sind, das eigentliche Ziel zu zersetzen.

So geht es ja nicht nur dem Künstler, sondern im Grunde steht jeder vor dem Problem: Was wir eigentlich wollen, wollen wir es nicht oft lieber als Traum behalten, der unberührt in der Luft vor uns schwebt? Besteht nicht die Gefahr, dass die Realtität den Traum zerstört - und was machen wir dann, traumlos?

Dafür braucht man eine Ladung Vertrauen - erstens, dass es besser ist, einen Traum zu verwirklichen und zweitens, dass Träume stets neu geboren werden, dass sich immer neue finden lassen, wenn man nur dafür sorgt, sie zu verwirklichen (auch auf die, ebenfalls beängstigende Gefahr hin, dass sie sich als Schnapsideen erweisen und man schmerzhaft Abschied nehmen muss).

Vielleicht ist es so, dass wir Angst vor uns selbst haben. Das hat bestimmt mal ein schlauer Mensch gesagt.

Rilke fragte sinngemäß: Ich wollte immer nur ich selbst sein - warum war das so schwer?

Ist es nicht so, dass ein Ausleben der eigenen, der wirklich eigenen Wünsche uns zu uns selbst machen würde und dass wir genau das fürchten, weil es etwas endgültiges zu haben scheint? Ist es nicht einfacher, unbestimmt zu bleiben, verrückbar, jemand, der noch 'gerettet' werden kann von guten Ratschlägen? (Dabei schließt das eine das andere ja keineswegs aus, man hört nicht auf zu kommunizieren, nur, weil man sich ein Stückchen näher gekommen ist.)

Unser Küchengespräch jedenfalls handelte davon, dass es oft nicht so leicht ist, zu wissen, was man will. Dass einem die Gedanken dazwischen funken, dass das eigene Wollen gerne auch Winkel schlägt und sich verführen lässt. Wir spiegeln uns in unseren Mitmenschen - wir sehen unsere Wünsche in ihnen leuchten und verlieben uns gleich mal ein bißchen (zum Beispiel).

Wissen, nicht gedanklich erfassen, was im Bauch passiert. Und dem dann folgen. Hört sich leicht an, oder? Aber ich mus jetzt noch etwas an meinem Musikprogramm herumfummeln, das hat irgendein Problem.

27.05.2010

Für Schreibtischtäter

Für die Schreibtischtäter unter euch:

Bei Nissan ging gestern ein freundlicher, nicht mehr ganz junger Herr durch die Büros, der mir empfahl, meinen Monitor im rechten Winkel zu den Fenstern aufzustellen - es sei für die Augen sowohl wenig empfehlenswert, wenn hinter dem Bildschirm Tageslicht herein scheint, als auch, dass es von hinten kommt.

17.05.2010

Texte leben

Ich lese meine eigenen Texte vor Publikum. Texte, die teilweise mehrere Jahre alt sind, die ich hundertfach gelesen, beschraubt, gedruckt und gesprochen habe. Und doch: Bei jeder Aufführung, bei jeder offenen Probe hört man auch als Autor jeweils durch die Ohren der Zuhörer Neues heraus.

Habe ich das geschrieben? Fragt man sich manchmal. Manchmal wird mir das Thema eines Textes erst nach langer Zeit klar. Wie mein Kunstlehrer zu sagen pflegte:

"Man sollte nich zuhören, wenn Künstler über ihre Arbeiten sprechen. Die reden meist Blödsinn."

Spätestens im Herbst machen wir eine neue CD mit grandiosen Aufnahmen für alle!

16.05.2010

Unter Belastung

Worauf greifen wir zurück, wenn wir einen Menschen beschreiben wollen?

In den meisten Fällen wohl auf:

Herkunft (Geschichte) und Eigenschaften (Leistungen?)

Man kennt das aus amerikanischen Polizeifilmen - ein kleiner Fisch kommt ins Gespräch und wird kurz und knapp umrissen etwa mit:

Kommt aus dem Ghetto. Hat die Highschool abgeschlossen und ein Stipendium für ein Ostküsten-College bekommen. Jetzt arbeitet er in einer Anwaltsfirma in Miami. Hat immer noch Kontakt zu seinen alten Freunden. Steht auf Internet-Sex.

In meinem Alltag halte ich es schon lange so, Menschen erst fester zu beurteilen, wenn ich sie unter Belastung erlebt habe - denn ein freundliches Gesicht zu tragen, ist im Alltag leicht. Das blättert dann oft, wenn die Umstände kniffliger werden.

Letztlich fällt mir immer mehr auf, dass wir einer repetetiven Bindung unterliegen: Genauer analysierte Biographien ergeben Wiederholungsequenzen, die sich immer wieder abspulen. Soziale Gefüge formen sich in ähnlicher Weise aufs Neue. Hier will ich erstmal gründlicher nach Beispielen suchen, bevor ich etwas aufgreife, was hinterher nicht passt...

13.05.2010

Zeit

Immer wieder kreisen meine Gedanke folgende Frage:

Wie kann ich es schaffen, mehr Zeit mit kreativen Tätigkeiten zu verbringen. Namentlich Schreiben. Schreiben ist mir am wichtigsten. Ich liebe Tanz, Fotografie, Malerei und Holz, aber wenn ich mich entscheiden müsste, dann blieben am Ende die Worte übrig.

Zum Schreiben, zum kontinuierlichen Schreiben braucht man fortlaufende Konzentration. Die Geschichte, an der ich seit über einem Jahr arbeite, entsteht in kurzen, über den Monat verteilten Blitzlichtern: Immer ein Highlight meines Tages, doch immer auch schwer errungen.

Liegt es an mangelndem inneren Fokus? Es ist ja nicht so, dass innerer Fokus etwas wäre, was unsere Zeit einem vor die Füße wirft. Ablenkung ist massenweise zu haben an jeder Ecke. Dabei gibt es auch viele Formen der Ablenkung, die sich besonders schlau tarnen und dem nur zu bereitwillig unscharf gedrehteten Objektiv der Selbsterkenntnis entgehen.

Dieser Frage werde ich in den nächsten Tagen weiter nachgehen...

12.05.2010

Neustart

Mein bisheriger Blog findet sich auf meiner Homepage

www.maxpothmann.de/blog/index/html

Jetzt wird es wohl hier weitergehen..

Ich sitze gerade am Niederrhein, dort, wo im letzten Jahr noch mein Wohnwagen stand. Wenn man aus der Stadt kommt, ist das Konzert aus Vogelstimmen schier unglaublich laut und vielfältig. Alles ist grün, saftig, lebendig und völlig uninteressiert am menschlichen Tun.

Zur Zeit lese ich Cormack McCarthy 'The Crossing'. Nicht so sicher, ob das ein böses Buch ist. Auf jeden Fall hat es die Kraft, mich einzusaugen, wie es vielleicht ein, zweimal im Jahr vorkommt, wenn überhaupt.

Der 16jährige Billy reitet nach Mexiko und bleibt dort auf einer Art Don Quichote-ähnlicher Wanderschaft hängen. Einmal trifft er einen alten Indianer, der ihm zum Abschied folgendes mitgibt:

He told the boy that although he was huerfano (Waise) still he must cease his wanderings and make for himself some place in the world because to wander in this way would become for him a passion and by this passion he would become estranged from men and so ultimately from himself. He said that the world could only be known as it existed in men's hearts. For while it seemed a place which contained men it was in reality a place contained within them and therefore to know it one must look there and come to know those hearts and to do this one must live with men and not simply pass among them.


Später reitet Billy zusammen mit seinem jüngeren Bruder Boyd. Zwischen beiden liegt eine Welt unausgesprochener Erinnerungen und Gefühle, die nur von scharfen, das Verschwiegene umrahmenden Dialogfetzen angedeutet wird:

You think it's worse to be cold or to be hungry?
I think it's worse to be both.